Günther Grass hat ein Tattoo, Trilok Gurtu hat’s am Knie und die Temptations haben nicht das Publikum, das sie verdienen

Entäuscht sei er, lispelte diese Tage ein Grassbiograph in die Feuilltonistenton- aufzeichnungsgeräte. In der SS gewesen, Pfui sowas. Mir kommt der alte Grimbart dann doch ein Stück näher in seiner grantig selbstzerrissenen Art. Sympathischer erscheint er mir auch. Wie er 60 Jahre lang seine Blutgruppe am Arm versteckt, wann er sie ausätzen ließ, und ob er sich bei Podiumsdiskussionen mit alte Dachaukommunisten und Überlebenden der Shoa verstohlen dort kratze, möcht ich gerne wissen. Wie mein krebsverseuchter Onkel jetzt von ihm denkt. Wenn ich den im Zug gehabt hätte wär das kein solcher Nestbeschmutzer geworden, vielleicht. Aber mach‘ ich hier Feuillton? Heute ein bißchen… Wahrend Grass wegen alter Narben auf Haut und Seele die Zeilen füllt, hat der Meister Trilok Gurtu es mitlerweile am Knie, so das er nicht mehr in altvertrauter, fernöstlicher Weise am dem Boden hockend seine Trommelkünste abliefert. Sei’s drum.

Nun hat er eine Bassdrum und selbst wenn er nur ein Fünftel seines Könnens zeigte, war eine Freude im Hofgarten ihm wieder einmal zu lauschen. Hin und wieder klaubt der alte Drummer Peter Weiß soviel Hirn, Geld und Geschmack zusammen, daß Gutes den Weg auf die Bühne findet. Aber damit ist dann auch schon wieder Schluß, nächste Woche wird Emil Mangelsdorf exhumiert und auf die Bühne getragen. Nach dem Tod seines kleinen Bruders darf er mal wieder hupen, dafür muß er sich von Onkel Peter begleiten lassen. Ich kenne Emil eigentlich nur als Verfasser eines völlig sinnlosen Heftes mit dem Titel „Anleitung zur Improvisation für Saxophon in Bb“ und bin sehr gespannt auf das Meeting der Giganten. Real Heroes gab es dann am Samstagabend:

The Temptations, Papa was a rolling stone… meine Güte. Soviel black sexy coolness auf der Bühne. Da übersah ich die ausgeprägten Speckrollen unter den knappen Trikots und vergaß den Tonmenschen zu lynchen. Bad, bad sound, aber Mucke für den Unterleib. Ligaverlust wegen tumber Langweiligkeit: die Düsseldorfer Cappuchinojobber. Als Publikum unerträglich.

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