Die Botschaft von Lobo und Holm an die Digitale Bohemè formuliert Udo Lindenberg wie folgt: Hinter’m Horizont geht’s weiter. Das Internet bietet Möglichkeiten. Toll. Meine Frage an die Begriffsclaimer stammt von Bap und lautet: Hallo Wellenreiter, sach wie jet et Dir?
Die Genervtsein in mir kommt von den unbeantworteten Fragen: Warum schreibt man so ein Buch- da geht mir Siggis Banalitätsvorwurf nicht aus dem Kopf- und für wen. Ein ungutes Gefühl der Schwammigkeit verließ mich den ganzen Abend nicht, erinnert mich an die Meinungsnacherzähler im Leistungskurs Geschichte- nichts Neues gesagt aber ein Sternchen für sonstige Mitarbeit ergattert.
Summa summarum- Die Verherrlichung der selbstbestimmten Arbeit als Gegenentwurf zum entfremdeten Werken in Abhängigkeit ist wie Singen im Dunkel; das Aufkleben von Etiketten auf Jahrgänge und Zustände öde.
Omnia mutantur, nos et mutamur in illis. So what.
Und langsam erfährt die positive Stimulation, die solchen Gruppenveranstaltungen mit themenbezogenen Arbeitskreisen, Vorträgen und Seminareinheiten seine Verflachung im Alltag, das ich nunmehr geneigt bin meinen Verdacht zu außern, daß Kulturpädagogik und Kulturpessimismus eng mit einander verwoben sind, mich beinflußend in meinem Denken und in meinem Tun.
Aber: die Gala, die uns zur Ehr’ veranstaltet ward, vlelmehr, die Darbietungen gehen mir nicht aus dem Kopf- das Häppchenhaschen am kalten Buffet ist nicht so meins ist, ich bin doch mehr ein Freund der kompletten Mahlzeit. Es wurden aufgeboten: die letzte(?) Blüte des deutschen Bürgertums, die Deutsche Streicherphilharmonie, das Bujazzo, und nicht hoch genug zu loben und zu preisen, das Venezuelan Brass Ensemble. Blechbläser aus den Slums und Vorstädten, Gott, die haben kapiert, was Musik sein kann und welche Möglichkeit sie ihrem Leben offenbahrt. Was ganz anderes als unsereinem, der wählen konnte. Stehe ich dann wieder vor einem elfjährigen Playstationbesitzer, der weder einen Takt klatschen oder eine Melodie singen kann, mir aber stolz erklärt, er wolle schleunigst auf die Sonderschule wechseln, wegen: NOCH WENIGER SCHULE! dann würgt es mich und ich möchte ihn mal als Kreativurlaub sechs Wochen auf die Müllkippen von Barquisimeto schicken, damit er lernt, wie Scheiße stinkt und einen Antrieb hat aus ihr rauszukommen.
“Ich war mir des Risikos, das ich einging durchaus bewußt, aber ich wußte auch, daß die Freiheit Fehler zu machen mit den Jahren schrumpft und daß daher, wer diese Freiheit nutzen will nicht allzu lange damit warten darf.”
Primo Levi, Das periodische System, Zinn
“Hunger ensteht wie? Aufgrund mangelnder Nahrungsaufnahme natürlich. Warum mangelt es an Nahrung? Weil es an äquivalenten Tauschobjekten fehlt. Und warum, schließlich standen uns solche nicht zu Gebote? Weil wir nicht genug Phantasie besaßen, vermutlich. Oder aber der Hunger hing direkt und ursächlich mit unserem Mangel an Phantasie zusammen.”
Haruki Murakami, Der Bäckereiüberfall
Das Netz ist durch seine synaptischen Struktur und als Repräsention eines Weltwissens ein erster Schritt zum global brain. Es ist es aber nur Gefäß und damit auch Abbild alles Kleinlichen und Krankhaften, von Idealen und Visionen. Alle Arten menschlicher Existenz suchen sich ihre Formen und ihre Protagonisten auf jeder Ebene.
Das menschliche Gehirn wird als Raum der Möglichkeit begriffen, alle Gedankenspiele sind frei, erst die Veröffentlichung macht im bürgerlichen Sinne einen Gedanken zur Beleidigung oder zur Bedrohung bestehender Verhältnisse.
Anstatt zu versuchen das Netz in geltendes Recht zu pressen muß sich die Auffassung vom public brain durchsetzen, das eigene Es, Ich und Überichfunktionen bildet und wahrt.
Auf die besondere deutsche Komponente des Spiels mit Abmahnungen und Drohungen weist Filmtagebuch schöner hin als ich es könnte.
