Monthly Archives: September 2004

Wahlsonntag

OB Erwin im ersten Wahlgang wiedergewählt
Oberbürgermeister Joachim Erwin ist bei den Kommunalwahlen in Düsseldorf mit einem Ergebnis von 50,4 Prozent im ersten Wahlgang wiedergewählt worden.

Ich spar mir das mit den Kälbern.

Den Nachmittag geprobt und zum Trost für alle Verlierer dieses Tages gibts diesen Song von Trio Trumpf aus dem Jahr 2000 mit prophetischer Botschaft.

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Auch wenn der Ductus Oldtime ist, man lausche dem Text und schmunzle. Hat’s das Zeug zur Bloggerhymne? Hip teens can vote.

Trödelmarkt

Eine kleine Hommage an den geschätzen Siegfried Becker:

Kinderträume werden Männerträume

Aus seinen Aufzeichnung schöpfe ich so manches. Zum Beispiel einen versteckten Buchtip. John Allen Paulos, Zahlenblind. Dankeschön. Und was schreibt der Siggi sonst noch? HistoMat pur, würde ich sagen.

Unser Untergang

Der Führer in f-moll

Natürlich habe ich ihn schon gesehen: “Der Untergang”. Die biographische Verknüpfung, die mich in jene Zeit hineinzwängt läßt auch nichts anderes zu. Krieg, Vertreibung, Gefangenschaft sind Thema seit Kindesbeinen, ich weiß noch wie erstaunt ich feststellte, daß es Väter, Männer gab, die nicht Soldat waren, nicht von Kesselschlacht und dem “Iwan” sprachen. Komisch für meinen Jahrgang, späte Nachkriegsgeneration, Baujahr 67.
Der Film gibt keine Antwort, er schweigt mich genauso beharrlich an, wie Vater, Onkel, Großmutter. Warum diesem Mann Gefolgschaft geleistet wurde, welche Faszination von ihm ausging teilt mir dieser Bruno Hitler nicht mit, nicht einmal Grusel stellt sich ein im zwielichtigen Neon. Nun will ich hier keine Filmkritik abliefern, die gibt es hier oder man lese dieses herrliche Essay von Götz Aly. Wer das Archiv der Taz durchschnöft findet noch einiges, auch von Diedrich Diedrichsen. Lesenswert.
Was mich viel schwerer ankommt ist das Versagen der Filmmusik in Eichingers Werk. Dort wo die Schauspieler eben nicht das erwartete leisten können, wo der Führer einem bei Pasta schlürfend peinlich nahe kommt, wo Musik die Brechung mitteilen könnte, an der es sonsten mangelt, erklingt stets die Beliebigkeit unter der viele Filmmusik der letzten Jahre leidet. Was hören wir? Überwiegend melancholisches, es flirren die Streicher herbstlich daher, das Piano klimpert und mich erinnert das Thema fatal an Scarborough Fair. Zitieren ist ja legitim, aber was dieses lieblich verträumte englische Volkslied hier zu suchen hat erschließt sich mir nicht. Nichts verdeutlicht wo wir sind: im Auge eines Tornados aus Blut und Zerstörung, im einem Finale mörderischer Verzweiflung. Nein, da dröhnen die Bässe und Celli wehmütig, so ein kleiner Weltschmerz und der Führer zwar ein Ungeheuer, sonst nur armes, trauriges, untergehendes Deutschland. Bisweilen wabbert das Thema über einen Orgelton, Gipfel der Dramatik: Glockenschläge. Natürlich schmettert Zarah Leander das unvermeidliche “Davon geht die Welt nicht unter”, und Goebbels Kinder singen “Kein schöner Land in dieser Zeit”. Ein Ekel breitet sich da in mir aus. Ein einziges mal hören wir ein Soloklavier, netter Sound, wenn man unglücklich verliebt am Strand flaniert, oder im Abschiedschmerz der Liebsten durch die Locken schnüffelt, eine Träne im Auge. Ich weiß die Szene nicht zum Klang, erinnere aber auch keine die passt.
Wer hats verbrochen, fragt man sich unwillkürlich: Stephan Zacharias . Man lese dorten des Mannes Visitenkarten und denke selber weiter.

Döblin II - Aufruf zum Ungehorsam

“Träges, faules Volk ihr. Was ist ein Fürst, ein Herr, ein Kurfürst und großgewaltiger Kaiser. Macht einen krummen Buckel vor ihm und er ist euer Kaiser. Zeigt ihm den Steiß und ihr werdet sehen, wie lange er noch Kaiser ist. Er ist ja nur mächtig, weil ihr Furcht habt und Angsthasen seid. Er hat keine Macht. Aber seht eure Hosenböden an, da findet ihr sie. Betrug und Einbildung ist die Regiererei, auf dem niedrigsten und höchsten Thron. Ihr seid schuld daran ,ihr alle, daß es um uns so geht, man müßte euch mit Knüpeln totschlagen, daß ihr so dasteht und die Mäuler aufreißt. Der Krieg täte euch gut, damit ihr seht und und fühlt und schmeckt, was ihr für gottvergessene Hundsfötter seid. Was ihr versündigt habt durch Dummheit und Narrheit, wird kein Heiland gut machen; er könnte zu euch kommen und ihr würdet ihn doch nicht ansehen, wenn er euch helfen will. Durch eure Dummehit und Furcht regieren die Fürsten, in eurem Kopf steht ihr Thron, für ihre Schandtaten und ihren Übermut bürgt ihr. Eure Jämmerlichkeit ist so groß, daß ich ein Maul wie der babylonische Turm haben müßte, um sie zu beschreiben. Es ist ja an der ganzen gefürchteten Macht der Fürsten und Tyrannen nicht viel mehr als in einem Traumschrecken, einem eingebildeten Alb. Feige Schuften haben die Fürsten groß werden lassen. O ihr jammerbaren Schächer und Klötze. Die Fürsten sind eine Schande, sie sind eure Schande. (….) Da sitzt einer auf dem Thron, den ihr ihm gebaut hab, damit er in Ruhe Riemen aus euer Haut schneidet (…) Nehmt Eure Messer. Und wenn er nicht sagt, was euch gefällt, so könnt ihr eure Freude haben: die Fürsten haben einen Hals zwischen dem Kopf und den Schultern; macht euch einen Spaß. So ein Mann spritzt nicht mehr Blut wie ein Kalb.”

A. Döblin, Wallenstein, Patmos, 2001, S. 529f

Zoologischer Garten

Ein lange gehegter Wunsch geht in Erfüllung. Hier entsteht ein Heimstadt für altmodische Worte. Solche deren Kontexte langsam verschwinden, aufweichen, denen schlicht und einfach das Vergessen droht zwischen Blitz-Ilu und MTV. Willkommen erster Begriff:

barhäuptig

Begründung der Jury: Die kulturelle Erosion hat das alltägliche Tragen von Hüten schon lange hinfortgespült. Wer weiß noch wann er sich zu bedecken hat, wann der Hut gelüftet werden soll, zum Zeichen freudigen Erkennens, Ausdruck koketter Galanterie, oder würdevoller Anteilnahme? In welcher Situation sind Hut und Mütze angemessene Kleidungsstücke, und nicht nur Zweckgegenstand, dem Indio abgeluchster Ohrenwärmer mit Folkloreaspekt.
Ein Wort, das ich all denen hinter die Ohren schreiben möchte, die durch unausgesetztes Kappentragen meinen Unwillen erregen.

Barhäutig- nackt sein am Haupte, in der Kirche, vor geistiger oder weltlicher Obrigkeit, vor Gott- welch ein anachronistisches Wort. Gut für historische Romane, im alltag perdu

Fressen Worte Gnadenbrot? Bei mir schon.